Rechtsanwälte

Gedanken zum (rechtlichen) Umgang mit Stalking

Ziel jeder Reaktion oder Massnahme gegen Stalking ist in der Regel nicht eine Verurteilung des Stalkers, sondern vor allem eine Verhaltensänderung desselben. Das Opfer möchte sich wieder sicher fühlen und vom Täter in Ruhe gelassen werden.

Die nachfolgenden Ausführungen sind daher stets auch mit Blick auf dieses Ziel zu verstehen.

Einem mutmasslichen Stalking-Opfer zu helfen, erfordert Zeit, Geduld und vor allem die Fähigkeit zuzuhören. Während eines einlässlichen Instruktionsgesprächs (in der Regel sind mehrere Besprechungen erforderlich) sollte zwischen Anwältin / Anwalt und Opfer ein enges Vertrauensverhältnis entstehen. Das Opfer soll möglichst weitgehend entlastet und gestärkt werden. Gleichzeitig muss dabei sichergestellt werden, dass das Opfer die Empfehlungen der Anwältin / des Anwalts einhält bzw. das gemeinsam erarbeitete Abwehrdispositiv umsetzt.

Die getroffenen Massnahmen führen in der Regel zu einer psychischen (und physischen) Stärkung des Opfers. Diese Wirkung ist erwünscht, geht aber oft einher mit einer Radikalisierung gegenüber dem Stalker. Es ist empfehlenswert, diese mögliche Radikalisierung mit dem Opfer zu diskutieren und mithin unter Kontrolle zu halten. Es geht nicht um einen Rachefeldzug. Ziel bleibt stets, den Stalker in seinem Tun zu stoppen. Diesbezüglich darf es allerdings kein Nachgeben und keine Nachsicht geben.

Es ist sehr wichtig, die Vorgeschichte des Falles äusserst genau aufzuarbeiten, um die Ereignisse richtig gewichten zu können. Oft bestehen oder bestanden wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Opfer und Täter, wie zum Beispiel gemeinsames Eigentum, Kinder, Freunde oder auch Abhängigkeiten psychischer Art, welche für die Beurteilung der Handlungen und des Charakters des Stalkers von Bedeutung sind.

Nebst der Schilderung der «eigentlichen Vorfälle», muss jede Massnahme auch der Situation des Opfers angepasst werden. Welche Ressourcen sind vorhanden? Wie steht es um die physische und psychische Gesundheit des Opfers, seinen Freundeskreis, seine Familie? Lebt das Opfer in beengten Verhältnissen, anonym oder zusammen mit anderen? Wie gestaltet sich sein Tag und welche Situation besteht am Arbeitsplatz? Welche Beziehungen hatte das Opfer? Und sind weitere Personen involviert? Die Situation, der Charakter und die Widerstandskraft eines Opfers sind ausschlaggebend für den Entscheid für oder gegen eine Abwehrmassnahme.

Eine mögliche erste Massnahme kann eine Besprechung zwischen dem/der Rechtsvertreter/in des Opfers und dem Täter sein. Der Täter bekommt die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge zu schildern. Dies bietet wiederum der Geschädigtenvertretung die Möglichkeit, sich eine konkrete Vorstellung des Täters zu machen, seinen Charakter und sein Verhalten besser einschätzen zu können.

Je nach Fallkonstellation kann auch eine Besprechung zwischen Geschädigtenvertretung, Opfer und Täter stattfinden, um eine Vereinbarung zwischen Opfer und Täter zu finden, etwa ein «freiwilliges» Verzichten auf Kontaktaufnahme seitens des Täters, allenfalls unter Androhung einer Strafanzeige seitens des Opfers, etc. Die Erfahrung der Autorin und des Autors hat gezeigt, dass in seltenen Fällen auch ein auf den spezifischen Fall zugeschnittenes Belohnungssystem, salopp ausgedrückt: Zuckerbrot und Peitsche, sehr erfolgreich sein kann.

Auch die Möglichkeit einer zivilrechtlichen Klage (vgl. auch zivilrechtliche Erfassung von Stalking) kann in gewissen Fällen zum Erfolg führen. Dieser Weg ist aber für das Opfer in der Regel nicht ohne Rechtsbeistand gangbar. Namentlich die aktive Rolle, welche in Zivilverfahren der klagenden Partei zugedacht ist, die lange Verfahrensdauer sowie der ungewisse Prozesserfolg schrecken verständlicherweise ab.

Entscheidet man sich für ein strafrechtliches Vorgehen (vgl. auch strafrechtliche Erfassung von Stalking), empfiehlt es sich, vor oder unmittelbar nach Einreichung der Strafanzeige mit der Staatsanwaltschaft Kontakt aufzunehmen und die möglichen strafprozessualen Massnahmen zu diskutieren. Eine von der Staatsanwaltschaft vorschnell beantragte Untersuchungshaft bringt oftmals mehr Schaden als Nutzen, da sich die Untersuchungshaft auf den Stalker destabilisierend auswirken kann und nicht selten zum Verlust des Arbeitsplatzes führt. Ein festangestellter Stalker hat viel zu verlieren und kann entsprechend einfacher zu Wohlverhalten motiviert werden. Er verfügt auch über wesentlich weniger Freizeit, als ein Arbeitsloser….

Andererseits kann eventuell eine polizeiliche Vorführung und eine deutliche Verwarnung durch die zuständige Staatsanwaltschaft mitsamt Fernhalteverfügung und anschliessender Entlassung zur Arbeit bereits zum gewünschten Erfolgt führen: der Stalker lässt sein Opfer in Ruhe.

Eine Verhaftung mit anschliessender Untersuchungshaft kann trotz allem angezeigt sein, wenn aufgrund der gesamten Umstände überwiegend wahrscheinlich ist, dass der Stalker auch in Zukunft in schwerwiegender Art und Weise delinquieren wird.

Sämtliche Massnahmen sollten so gewählt und eingesetzt werden, dass alte und neue Massnahmen jeweils eine logische Einheit bilden und ihre Wirkungen auf den Täter linear zunehmen (Skalierbarkeit der Abwehrmassnahmen).