Rechtsanwälte

Verhaltensregeln für Betroffene

Die nachfolgenden Verhaltensregeln werden auch empfohlen von der Fachstelle gegen Gewalt, Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG, Eidgenössisches Departement des Innern EDI ("Informationsblatt 10" [pdf]):

  • Jeden Kontakt mit der belästigenden Person radikal abbrechen. Ihr möglichst früh, unmissverständlich und ohne affektive Beteiligung mitteilen, dass kein Kontakt erwünscht ist. Aus Beweisgründen erfolgt dies möglichst in Anwesenheit von Zeugen oder mittels eines eingeschriebenen Briefs. Auch alle noch zu regelnden Formalitäten (z.B. im Scheidungs- oder Sorgerechtsbereich) geschehen von diesem Zeitpunkt an nur noch über Mittlerpersonen oder Rechtsbeistand. Es ist enorm wichtig, dass dieses Vorgehen konsequent durchgezogen wird, denn auch das kleinste Anzeichen, das sich dahin deuten lässt, das Opfer wolle wieder Kontakt aufnehmen (auch „das allerletzte Mal"), kann den Stalker zum Weitermachen ermutigen.

  • Eine Gewalt- oder Opferberatungsstelle aufsuchen, die Betroffene kompetent über weitere Massnahmen informieren und unterstützen kann.

  • NachbarInnen, Bekannte, FreundInnen, ArbeitgeberIn und ArbeitskollegInnen von Belästigungsvorfällen in Kenntnis setzen und somit die unbeabsichtigte Weitergabe von Informationen über das Opfer durch diese Menschen vermeiden. Ausserdem bringt dies einen gewissen Schutz und Verständnis für das Opfer.

  • Unbestellte Warensendungen oder Dienstleistungen auf keinen Fall annehmen. Bereits zugestellte Briefe oder hinterlassene Botschaften am Auto oder sonst wo unbeantwortet bleiben lassen und im Sinne der Dokumentation aufbewahren. Das Gleiche gilt für belästigende und/oder drohende E-Mails, SMS-Mitteilungen oder Aufzeichnungen des Anrufbeantworters. Solches Beweismaterial kann für das polizeiliche Handeln oder eine allfällige Strafanzeige bedeutend sein.

  • In manchen Fällen ist es sinnvoll, einen zweiten Telefonanschluss zu errichten und die neue Nummer nur an Vertrauenspersonen weiterzugeben. Die herkömmliche Nummer nicht abmelden, um die Neugier des Stalkers nicht noch zusätzlich zu steigern. Stattdessen bei jedem Anruf den automatischen Beantworter mit einer von einer Drittperson aufgezeichneten Durchsage aktivieren lassen. Eine Anrufliste durch die Telefongesellschaft erstellen lassen.

  • Jeden Vorfall notieren und mit Datum und Ort versehen. Um die Schwere der Belästigungen vor Gericht beweisen zu können, muss eine gewisse Dynamik des Falles transparent sein.

  • Sich als betroffene Person das grundlegende Wissen über das Phänomen Stalking aneignen. Vielen Menschen hilft es auch zu wissen, dass sie weder ein Einzelfall sind noch die Schuld an der Situation tragen.

  • Manche Opfer besuchen einen Selbstverteidigungskurs oder nehmen regelmässig an Treffen von Selbsthilfegruppen teil. Dies kann das durch Stalking angeschlagene Selbstbewusstsein des Opfers stärken.

  • Die Polizei unverzüglich über alle Annäherungs- und Verfolgungsversuche sowie belästigende Handlungen informieren. Entscheiden Sie sich als betroffene Person, strafrechtliche Schritte gegen den Stalker zu unternehmen, ist es empfehlenswert, sich vorher umfassend  fachlich beraten zu lassen oder mit der Staatsanwaltschaft Kontakt aufzunehmen. Der zivilrechtliche Rechtsweg ist für rechtsunkundige Opfer anspruchsvoll und sollte mit einem Rechtsbeistand durchlaufen werden.

 

Die meisten Stalker haben kein Unrechtsbewusstsein, d.h., ihnen ist das Unrecht ihrer Handlungen nicht bewusst. Dadurch ist es regelmässig sehr schwierig, sie zu stoppen. Je länger ein Opfer das Verhalten des Täters duldet bzw. erträgt, bevor es sich Hilfe holt, desto mehr wird der Stalker sowohl von der Richtigkeit seines Tuns, als auch von dessen Erfolg überzeugt sein.

Ein Stalkingopfer sollte demnach umgehend professionellen Beistand in Anspruch nehmen. Stalker geben ihr Verhalten meist nicht auf, ohne Grenzen aufgezeigt bekommen zu haben. Nur ein konsequentes Vorgehen kann dem Stalker nachhaltig Einhalt gebieten.